Ayşe Bozkurt aus Adana: „Deutschland ist für mich längst keine Fremde mehr“

von Aytürk
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Die Deutschlandgeschichte der Familie Bozkurt begann im Jahr 1965. Aus den Lebensgeschichten jener Zeit, aus familieninternen Briefen und aus den sogenannten Gurbet-Briefen (Gurbet = Leben fern der Heimat) lässt sich erkennen, dass unter den ersten türkischen Arbeitsmigranten besonders viele Menschen aus Adana und Zonguldak stammten. Auch die Familie Bozkurt gehörte zu den Vertretern dieser ersten Generation. Zunächst kam der Großvater nach Deutschland. Im Jahr 1971 lernten auch sein Sohn Memduh und dessen Ehefrau Makbule das Leben in der Fremde kennen. Die Jahre vergingen und zur Familie Bozkurt kamen neue Generationen hinzu.

Ayşe Bozkurt wurde 1977 als Enkelin der ersten Generation in Darmstadt geboren. Wie nahezu alle türkischen Familien in Deutschland ging auch die Familie Bozkurt zunächst davon aus, einige Jahre zu arbeiten, etwas Geld zu sparen und anschließend in die Türkei zurückzukehren. Für die erste Generation war Deutschland keine neue Heimat, in der man sich dauerhaft niederlassen wollte, sondern ein Land der Fremde, in dem man für eine begrenzte Zeit arbeiten würde. Damit Ayşe die türkische Sprache nicht verlernte und sich nicht von der türkischen Kultur entfernte, entschied die Familie, dass sie bei ihrer Großmutter in der Türkei aufwachsen sollte. Im Alter von fünf Jahren wurde sie in Adana eingeschult und verbrachte die ersten Jahre ihrer Kindheit inmitten der kulturellen Werte ihrer Familie.

Die Bedingungen des Lebens in der Fremde veränderten jedoch die ursprünglichen Pläne der Familie Bozkurt. Die Geschäfte in Deutschland entwickelten sich, die Familie stieg in die Gastronomie ein und gewann wirtschaftlich zunehmend an Stabilität. Der Gedanke an eine Rückkehr in die Türkei wurde immer wieder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Das ursprünglich als vorübergehend betrachtete Leben in Deutschland wurde, fast unbemerkt, zu einer dauerhaften Existenz. Als Ayşe zehn Jahre alt war, traf die Familie erneut eine wichtige Entscheidung. Sie sollte aus der Türkei nach Deutschland zurückkehren. Ohne Deutschkenntnisse kam sie nach Darmstadt und besuchte dort eine deutsche Schule. Bereits als Kind lernte sie, sich zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen und zwei Kulturen zu bewegen, während sich zugleich ihr neues Leben in Deutschland formte.

Die 1980er-Jahre waren für die Türken in Deutschland eine Zeit, in der die Entscheidung für eine endgültige Rückkehr immer schwieriger wurde. Auf der einen Seite stand der Wunsch, in die Türkei zurückzukehren, auf der anderen die wachsenden Betriebe, die schulpflichtigen Kinder und das inzwischen aufgebaute Leben. Die Frage „Sollen wir zurückkehren oder bleiben?“ beschäftigte Tausende türkische Familien. Die Familie Bozkurt bemühte sich dagegen mit einem klaren Blick auf die Zukunft darum, in Deutschland wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. In einer Zeit, in der türkische Restaurants noch nicht weit verbreitet waren, begann sie insbesondere die Küche der Region Adana bekannt zu machen. Die Zahl der familiengeführten Restaurants stieg im Laufe der Jahre auf zwei, zeitweise sogar auf drei. Memduh Bozkurt, der aus dem Landkreis Kozan in der Provinz Adana stammte, entwickelte sich zu einem anerkannten Spezialisten der Branche. Aufgrund seiner starken beruflichen Belastung überließ der Vater einen erheblichen Teil der Verantwortung für die Kinder der Mutter Makbule, bemühte sich jedoch zugleich, ihre Ausbildung so aufmerksam wie möglich zu begleiten. Eine gute Bildung, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, sich in Deutschland als starke Persönlichkeiten zu behaupten, waren für die Familie von zentraler Bedeutung. Auch Ayşe besaß bereits in jungen Jahren einen ausgeprägten Kampfgeist. Zwar kamen gelegentlich Nachrichten über Auseinandersetzungen oder Streitigkeiten in der Schule nach Hause, doch sie versuchte stets, ihre Probleme selbstständig zu lösen und ließ Ungerechtigkeiten nicht zu. Der Rat ihres Vaters begleitete sie ihr ganzes Leben: „Lerne gut, lass dich nicht unterdrücken und erlaube niemandem, dich schlecht zu behandeln.“

Heute erinnert sich Ayşe Bozkurt mit großer Sehnsucht an ihre Kindheit: „Es waren sehr schöne Jahre. Als ich im Alter von zehn Jahren nach Deutschland zurückkehrte, brachte ich bereits ein bestimmtes kulturelles Bewusstsein mit. Deutsch lernte ich innerhalb kurzer Zeit. Ab der sechsten Klasse hatte ich keine sprachlichen Schwierigkeiten mehr. Ich konnte mich ohne Probleme mit meinen deutschen Mitschülern auseinandersetzen. Durch die Zeitungsberichte, die mein Vater mit nach Hause brachte, hatte ich mir beinahe selbst eine Aufgabe gegeben. Auf meine kindliche Art versuchte ich, unser Land zu erklären. Ich war noch jung, aber ein türkisches Mädchen mit einem ausgeprägten nationalen Bewusstsein. Heute bin ich stolz auf diese Jahre.“ Als älteste Tochter eines Unternehmers aufzuwachsen, prägte Ayşes Persönlichkeit entscheidend. Schon früh lernte sie, dass sie als Tochter einer Einwandererfamilie stark sein musste, um sich sowohl in der Schule als auch in ihrem gesellschaftlichen Umfeld Anerkennung zu verschaffen. Nach ihrer Auffassung hat die türkische Gemeinschaft in Deutschland inzwischen einen Entwicklungsstand erreicht, der weit über die Erwartungen der ersten Generation hinausgeht. Die Kinder und Enkel jener Menschen, die einst als Fabrikarbeiter tätig waren, sind heute in nahezu allen Bereichen Deutschlands präsent. Ob in Bildung, Wirtschaft, Politik, Kunst, Gastronomie oder Wissenschaft – überall begegnet man erfolgreichen Menschen türkischer Herkunft.

Wenn Ayşe Bozkurt über die früheren Jahre spricht, füllen sich ihre Augen mit Tränen. In ihrer Erinnerung war die türkische Gemeinschaft der 1970er- und 1980er-Jahre trotz begrenzter wirtschaftlicher Möglichkeiten durch wesentlich engere soziale Bindungen geprägt: „Damals gab es unter den Türken ein sehr starkes kulturelles Gemeinschaftsgefühl. Die Hochzeiten waren so voll, dass jeder kam, gratulierte und die Freude mit der Familie teilte. Bei Beerdigungen bestand derselbe Zusammenhalt. Heute erleben wir diese große Anteilnahme und Aufrichtigkeit nicht mehr. Ich glaube, dass in unserer Gemeinschaft bestimmte Werte verloren gehen. Man bezeichnet es vielleicht als Integration, aber ich fürchte, dass wir uns assimilieren.“ Diese Worte bringen nicht nur die Sehnsucht einer einzelnen Familie nach der Vergangenheit zum Ausdruck, sondern machen zugleich den tiefgreifenden Wandel der türkischen Gemeinschaft in Deutschland über mehr als ein halbes Jahrhundert sichtbar. Im Leben der ersten Generation war Solidarität häufig eine Notwendigkeit, die aus den Bedingungen des Lebens in der Fremde hervorging. Bei Hochzeiten, Beerdigungen, Krankheiten und freudigen Ereignissen standen die Menschen einander bei und entwickelten Tausende Kilometer von der Türkei entfernt eigene Netzwerke gegenseitiger Unterstützung.

Die Reise der Familie Bozkurt in die Fremde entwickelte sich von dem ursprünglichen Plan, einige Jahre zu arbeiten und anschließend in die Türkei zurückzukehren, zu einer tief verwurzelten Familiengeschichte, in der in Deutschland Unternehmen gegründet, Kinder großgezogen und weitere Generationen hervorgebracht wurden. Die Erinnerungen Ayşe Bozkurts verbinden dabei zwei Seiten dieser Geschichte: auf der einen Seite den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erfolg in Deutschland, auf der anderen die Sehnsucht nach dem früheren Zusammenhalt und der kulturellen Verbundenheit.

Die Reise, zu der die erste Generation mit dem Gedanken „Wir arbeiten einige Jahre und kehren dann zurück“ aufbrach, wurde zu einem dauerhaften Lebensweg, der die Zukunft ihrer Kinder und Enkel prägte. Die mit Koffern begonnene Fremde verwandelte sich im Laufe der Jahre in einen Lebensraum, in dem Familien, Unternehmen, Freundschaften und neue Generationen Wurzeln schlugen. Ayşe Bozkurt fasst diese lange Migrationsgeschichte mit einer für Adana typischen Definition von Heimat zusammen: „Wenn Adana-Kebab, scharfer Şalgam und Haydi-Ayran auf demselben Tisch stehen, dann ist Deutschland längst unsere Heimat.“

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